Maren Schwier weckt viriditas

Die Natur hilft sich immer wieder selbst. Laut Hildegard von Bingen (1098-1179) verdankt sie diese Fähigkeit der „viriditas“, der Grünkraft. Auch Menschen kann es gelingen, sich selbst zu heilen, wenn sie der viriditas in sich Raum geben. „Und Hildegards Musik kann unter anderem diese Räume öffnen“, sagt die Sopranistin Maren Schwier, die am Mainzer Staatstheater unter Vertrag steht. Zusammen mit dem Komponisten Raphaël Languillat hat sie sie einige von Hildegards Gesängen für die Ausstellung „IKONA. Heilige Frauen“ im Museum für Angewandte Kunst (MAK) mit heutigen musikalischen Mitteln wiederbelebt. Darüber weckt Maren Schwier viriditas in sich selbst und denen, die ihr zuhören. Was die Ausstellung bisher als sechskanalige Klanginstallation begleitet hat, in der sich Frauenstimme und elektronische Klänge miteinander verweben, wurde in der Finissage zur Live-Aufführung.

Liebe zu Gegensätzen

In ihrer Wohnung am Mainzer Rheinufer sprudelt Maren Schwier auch über die intensiven gegenwärtigen Proben zu Philip Glass‘ Kammeroper „The Fall of the House of Usher“, die am 14. Februar. am Staatstheater Mainz Premiere hat. „Dabei fängt mein Hirn manchmal auch an zu schielen“, lacht sie angesichts der immensen Zählarbeit, die man als Interpret für die bei Zuhörern so beliebte Minimal Music leisten muss. Die Arbeit an Hildegards Gesängen zur ‚viriditas‘ läuft dazu parallel. „Ich liebe Gegensätze. Am Ende steht alles im Zusammenhang“, sagt sie und wirkt im Gespräch genauso präsent und freudendurchflutet, wie auf der Bühne.

Freude am Singen

„Ich empfinde es als großes Geschenk, dass ich meinen Beruf so ausleben darf und bin dafür sehr dankbar“, sagt sie. „Jeder Berufsalltag bringt seine Tücken mit sich, aber mir ist es ein Anliegen, mir im besten Fall genau jene Freude am Singen zu bewahren, die ich als achtjähriges Mädchen hatte“. Wie man das schafft? „Am Ende der Hochschulzeit habe ich mir gesagt: Das sind meine Fähigkeiten und das mein berufsimmanentes Hinterfragen; daraus mache ich jetzt mein eigenes Ding. Dabei will ich in meiner Kunst vor allem ehrlich sein, zu mir selbst und zu meinem Publikum“. Das ist zwar leichter gesagt als getan. Aber wenn es gelingt, reagieren beide Seiten glücklich.

Lebensnähe

„In Hildegards Gesänge habe ich mich ganz schnell reingestrudelt“, erzählt sie. Sie freut sich darüber, dass ihr Großes Latinum aus Schulzeiten sich doch noch als für etwas gut erweist. Denn sonst hätte sie die Lebensnähe dieser Gesänge kaum erkennen können. Als Beispiel nennt sie den Gesang „Hodie aperuit“: Darin öffnet sich die zuvor verschlossene Tür und lässt erblühen, was die Schlange im Inneren erstickt hat. „Diese Schwelle zwischen Potential und Bequemlichkeit lässt sich auch heute gut nachempfinden“, sagt sie, wie etwa der faule Tag auf der Couch gegenüber der von einem Sonnentag angebotenen viriditas.

Menschliche und göttliche Stimme

Hildegards Gesänge sind in Neumen notiert, die die Tonhöhen vorgeben. Manche ihrer Gesänge haben einen außergewöhnlich großen Ambitus. „Hodie aperuit“ wäre, wie Raphaël Languillat in einem Mail vom 3.2.2025 an die Autorin schreibt, „in der Originalhöhe sehr ‚angespannt‘ zu singen gewesen“. Da haben sie es kurzerhand um „eine Quinte tiefer transponiert“. Andererseits sah Raphaël Languillat es „als große Inspiration für unser Projekt“, dass Hildegard über den Ambitus der menschlichen Stimme – bei Maren Schwier sind dies seltene dreieinhalb Oktaven – hinausgeht. „Hildegard hat in ihren Gesängen nicht nur für die vox humana, sondern auch für die vox divina geschrieben“, schreibt Languillat. „Es gibt in ihren Gesänge etwas Unmögliches, das die menschliche Stimme gar nicht singen kann… Aber genau das, kann mein modularer Synthesizer spielen: er muss nicht atmen und kennt keine Ambitus-Grenzen!“.

Maren Schwier weckt viriditas

Die weitere Gestaltung der Texte ergibt sich aus der klangmalenden Textausdeutung und der Atmung. Über den Klang werdenden Atem, scheint es, weckt Maren Schwier viriditas zunächst in sich selbst und darüber auch in denen die ihr zuhören. Die Arbeit am Notentext und erst recht im Zusammenspiel mit Raphaël Languillat habe sie als sehr inspirierend und besonders empfunden, sagt Maren Schwier.

Raphaël Languillats Komposition „Viridiscence“

Raphaël Languillats Komposition VIRIDESCENCE ist im Auftrag des Ikonenmuseums entstanden. Nach einer musikalischen Ergänzung gefragt, kamen ihm, der sich schon früher mit Hildegard beschäftigt hatte, ihre um viriditas kreisenden Gesänge „O virga mediatrix“, „O frondes virga“ „Hodie aperuit“ und „O quam preciosa“ in den Sinn. Zugleich dachte er an seine ehemalige Kommilitonin Maren Schwier mit ihrer Neugierde für Experimentelles, ihrer Affinität zu mittelalterlicher Musik und ihren lupenrein intonationssicheren, bis in himmlische Höhen klar geführten Sopran und stellte sich vor, wie ihre Stimme mit von ihm am Modular-Synthesizer erzeugten Klängen zusammenpassen könnten.

„Man muss manchmal mehr wagen, als man sich traut“

In der Ausstellung ging es um Frauen, die ihre traditionellen Rollenbilder überwanden, um etwa zu erfolgreichen Herrscherinnen oder Heilerinnen zu werden, ganz im Sinne von Maren Schwiers Wahlspruch „Man muss manchmal mehr wagen, als man sich traut“. Raphaël Languillat entspricht dieser Haltung mit immer neu erzeugten elektronischen Klangmustern. „Indem etwa Marens Stimme durch vier Lautsprecher multipliziert wird, entstehen neue Melodien und musikalische Gesten“, schreibt er und „ähnlich dem Konzept der viriditas haben wir diese Gesänge zum Erblühen gebracht: Wir betrachten sie als lebendigen Organismus, in dem sich rhizomatisch neue Zweige entwickeln“.

Durch diese Zweige machte Maren Schwier sich den Raum im MAK „musikalisch zu eigen“, indem sie sich singend zwischen Lautsprechern und Besuchern durch die organisch wachsenden Klanglandschaften bewegte.

DORIS KÖSTERKE
zum 8.2.2025

Kulturtipp: Philip Glass, „The Fall of the House of Usher“, Staatstheater Mainz, Großes Haus, Premiere am 14. Februar von 19:30 an.
>Weitere Vorstellungen am 20. Februar, 8. und 23. März, 7. und 17. April, 9. und 30. Mai, sowie am 7. Juni 2025.